Eigentlich ist es nicht üblich, in sachlich angelegten Wirtschaftsreportagen persönlich Stellung zu beziehen. Doch vielen Lesern dürften bei Xinjiang zunächst Begriffe wie Zensur, Unterdrückung oder Boykott einfallen. Unser Eindruck in Xinjiang war ein anderer, und Wirtschaftszusammenarbeit mit dem Westen würde der Region helfen. Würde der Bevölkerung helfen, noch mehr gut bezahlte Arbeitsplätze zu bekommen.
Wir konnten dort als Journalisten alle gewünschten Orte ansehen. Unsere Begleiter der Provinzregierung waren sehr wortkarg, da sie nicht den Eindruck einer Beeinflussung erwecken wollten. Sie machten die Erfahrung: Viele westliche Journalisten suchen in erster Line gut verkäufliche Storys über Unterdrückung und Menschenrechtsverletzungen. Für diese Journalisten sind die Xinjiang-Touren in ihrer Wahrnehmung eine inszenierte Show, in der die örtlichen Guides eine Scheinwelt präsentieren möchten. Die Story steht oft bereits vor Abreise fest, und vor Ort wird versucht, passende Mosaiksteinchen einzubauen.
Im Unterschied zu uns bekommen diese Journalisten die Reisen meist bezahlt. Wir wollten unabhängig sein und bezahlten Reise und Hotels aus eigener Tasche. Wir konnten so auch dort wohnen, wo wie wollten. Wo das war, interessierte scheinbar niemanden.
So beispielsweise in einem Bericht im "Standard". "China setzt alles daran, der österreichischen Wirtschaftsdelegation ein friedliches, stabiles, aufstrebendes Xinjiang zu zeigen. Dazu gehören offensichtlich auch regelmäßige uigurische Tanzeinlagen. Als Show vor einem Museum oder "zufällig" auf einem Markt. Frauen mit langen schwarzen Zöpfen in bunten Gewändern schwingen die Hüften zu arabischen Rhythmen, Männer trommeln und spielen Instrumente. Alle lachen, alle scheinen gut drauf zu sein, Zuseher werden zum Mittanzen animiert. Für Touristen ist es lustig, keine Frage – mit Lebensrealität hat es jedoch wenig zu tun." Das ist Unsinn. Getanzt, gelacht und gesungen wird
in China überall, weil es den Menschen Spaß macht. Können wir es wegen der Probleme in Europa einfach nicht ertragen, dass die Bevölkerungsmehrheit in China, in Xinjiang zufriedener wirkt?
Was waren die Unruhen in Xinjiang? Für einen Schock sorgte dort, dass Hunderte von Zivilisten von den sogenannten Aufständischen ermordet wurden. Zeitgleich übten kleine Gruppen, die sich dem IS anschlossen, Sprengstoffanschläge in ganz China mit vielen Toten aus.
Die Reaktion der Regierungsstellen war zunächst sicherlich in einigen Bereichen überzogen, was in Gesprächen bestätigt wurde. Es gab jedoch keine Vorbilder, wie diese blutigen Anschläge zu verhindern sind. Jetzt scheinen die im Westen kritisierten Lager geschlossen zu sein. Neue Kritik kommt auf, da angenommen wird, dass einige dieser Lager in Gefängnisse umgewandelt wurden.
Was ist Inhaftierung, was Zwangsarbeit? In den USA beispielsweise dürften prozentual mehr Menschen inhaftiert sein als in Xinjiang. Überwiegend Nichtweiße wegen Bagatelldelikten. Viele Haftanstalten sind privat betrieben, möchten hohe Gewinne machen und zwingen die Insassen durch ihre Arbeit und geringe Kosten möglichst viel dazu beizutragen. Es gilt, international verbindliche Definitionen dafür zu finden. Ausführlich wird dieses komplexe Thema in der Studie "Xinjiang – eine Region im Spannungsfeld von Geschichte und Moderne" beschrieben.
In Xinjiang hatten wir viel Zeit, um ohne Begleitung auf Märkten, Pars und überall ohne Beschränkungen Land und Leute zu sehen. Die meisten Einwohner interessierten sich vornehmlich für ihre Arbeit, ihre Geschäfte. Sie waren offen, man konnte über alles reden. Manche Fragen, beispielsweise nach der Ethnie, verstanden sie nicht, da sie sich nicht darüber definierten. Die grundlegenden Menschenrechte, neben Essen und ausreichender Versorgung, sind die Rechte von Kindern und Frauen. Einige der schönsten Begegnungen hatten wir mit jungen Schulmädchen, die einen lächelnd und selbstbewusst ansprachen, um etwas Englisch zu üben. Sie erzählten unbefangen von ihrer Schule, vom Zuhause oder ihren Freundinnen.
Eine andere Begegnung. Wir waren lange auf dem unbeschreiblichen Großen Basar unterwegs. Viele Gespräche, tausend Köstlichkeiten und buntes Treiben. Satt und müde machten wir Rast in einem uigurischen Restaurant, das zu dieser Mittagszeit noch recht lehr war. Ein halbes Dutzend junge Angestellte scharte sich um uns und begannen fröhlich eine Unterhaltung. Schnell gab es auch Fragen nach unserem Zuhause, nach Ehefrau, Kindern. Ich sagte, dass ich mit einem Mann verheiratet bin. Eine der Angestellten erklärte, dass dies ja in vielen Ländern normal sei. Und auch in Xinjiang sei Homosexualität nicht verboten. Es war keine Skepsis oder Fremdeln gegenüber uns zu spüren. Wir durften unseren Tee anschließend nicht bezahlen und bekamen noch etwas Gebäck geschenkt. Ganz anders ist die Situation in einigen zentralasiatischen Nachbarländern, in denen Schwule brutal kriminalisiert werden.
Adran Zenz, der die westliche Xinjiang-Kritik wesentlich anfeuerte, zeigt da keine Toleranz. Senz bezeichnet sich als wiedergeborener Christ und Gotteskrieger. In dem Buch „Worthy to Escape: Why All Believers Will Not Be Raptured Before the Trbulation“ betrachtete Zenz die Gleichstellung der Geschlechter als ein Werkzeug Satans, um Gott anzugreifen und folglich verdammt zu werden: Noch schlimmer sind für ihn Homosexuelle, die ewig in der Hölle schmoren sollen. Eher liberal geltende Gruppen stimmen dann mit seinen Äußerungen in die Xinjiang-Kritik ein. Der Kampf gegen das gottlose China ist für ihn ein heiliger Krieg.
Die Boykottrufer haben ein Bild im Kopf, in dem sie ihre ideologischen Vorstellungen einordnen. Gut ist es jedoch, ohne zementierte Weltbilder an das Problem heranzugehen. Doch hinter den Boykottaufrufen stehen auch wirtschaftliche Interessen, insbesondere der USA, und das antidemokratische Weltbild konservativer Politiker. Durch Boykotte soll Chinas Aufstieg verhindert und „America first“ zementiert werden. Das ist kontraproduktiv. Das würde zur Verarmung von Millionen Menschen führen. Gut bezahlte Arbeitsplätze würden vernichtet.
Die selbsternannten Fachleute zu Xinjiang lassen auch wissenschaftlich Genauigkeit vermissen. Sie stützen sich hauptsächlich auf wenige anonyme Quellen, die nicht benannt werden. Es wäre sehr wichtig, zu diesen Problemkomplexen Feldstudien vor Ort durchzuführen und gemeinsam Lösungsmöglichkeiten zu suchen. Das Problem besteht weiter: internationaler religiös begründeter Terrorismus. Den gilt es global und international abgestimmt zu bekämpfen, ohne dass die Freiheitsrechte des Einzelnen unnötig eingeschränkt werden.
Westliche Konzepte funktionieren dabei nicht unbedingt. Das zeigt Afghanistan, das an Xinjiang grenzt. Der Westen gab dort etwa eine Billion Euro aus, um demokratische Strukturen aufzubauen. Die aufgebaute Regierung hielt nur wenige Tage. Nach dem Abzug der internationalen Truppen Ende August 2021 erlangten die Taliban schnell wieder die Kontrolle über das Land und proklamierten das Islamische Emirat Afghanistan. Dort regieren die Taliban totalitär und verüben massive Menschenrechtsverletzungen. Unter ihnen gibt es viele willkürliche Festnahmen, Folter und Tötungen. Frauen werden unterdrückt, und die Meinungsfreiheit ist stark eingeschränkt. Im weltweiten Demokratieindex belegt Afghanistan seit 2021 jährlich mit Abstand den letzten Platz. Das Land ist von mehr als vier Jahrzehnten Bürgerkrieg geprägt. Die humanitäre Lage gilt als katastrophal. Viele Menschen in Afghanistan leben in großer Armut und leiden unter Hunger, so Wikipedia.
Ein freies Xinjiang könnte die Unfreiheit der vielen anderen Volksgruppen, die dort leben, bedeuten. Freies Xinjiang könnte den Millionen Uiguren, die in den Küstengebieten Chinas gut bezahlte Arbeitsplätze gefunden haben, das Leben erschweren. Freies Xinjiang könnte ein Rückzugsbiet für den IS werden.
Völkische Konzepte führten bereits in vielen Ländern zu Millionen Todesopfern und unbeschreiblichem Leid. Einen eigenen Weg versuchen auch zentralasiatische Staaten wie Kasachstan oder Usbekistan zu schaffen, die eine harmonische Gesellschaft aufbauen möchten.
Links
Eine Bühne namens Xinjiang: Wie China die Uiguren-Region um jeden Preis hochpoliert
„Worthy to Escape: Why All Believers Will Not Be Raptured Before the Trbulation“
China-Experte über Xinjiang: „Im Westen sollte man mit Vorwürfen zurückhaltend sein“
Xinjiang: Boomregion nach erfolgreichem Kampf gegen Terrorismus
Was macht die Seidenstraße?
POLITIK I Xinjiang (II) – Ein Buch und eine deutsche Debatte
Georg Gesk, Thomas Heberer, Norman Paech, Monika Schädler und Helwig Schmidt-Glintzer (Hrsg.): Xinjiang – eine Region im Spannungsfeld von Geschichte und Moderne
ASIA MEDIA SERVICE, Dr. Thomas Kiefer
Foto: Abendlicher Tanz in Jinghe - Bortala Mongol Autonomous Prefecture, Xinjiang © Thomas Kiefer
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