3. August 2026
Klimapolitik und nachhaltige Entwicklung erfordern globale Kooperation und integrierte Wirtschaftsmodelle
Europas Hitzewelle ist ein Weckruf für die Autoindustrie, so Zhou Xiaoying, CEO und Chefredakteurin des Automobilportal Gasgoo International während ihrer Rede auf dem Automotive Decarbonization and Sustainability Summit 2026. China ist nicht nur dabei die Führungsrolle bei grünen Zukunftstechnologien zu übernehmen. Das Land forciert ein integriertes Entwicklungsmodell das nicht nur Lieferketten sichern soll, sondern alle wichtige Gesellschaftsbereiche verknüpft.
„Heute geht es bei der Dekarbonisierung der Automobilindustrie nicht mehr nur um die Elektrifizierung von Fahrzeugen. Es geht auch nicht mehr nur um die Veröffentlichung von ESG-Berichten.
Es dehnt sich in drei Dimensionen aus:
Erstens, kohlenstoffarme Produkte: der Übergang von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor zu Fahrzeugen mit neuen Antrieben.
Zweitens, kohlenstoffarme Fertigung: einschließlich grüner Fabriken, erneuerbarer Energien, kohlenstoffarmer Materialien, energieeffizienter Produktion und Kreislaufwirtschaftspraktiken.
Drittens, kohlenstoffarme Lieferketten: der Übergang von der Dekarbonisierung einzelner Unternehmen zur kollektiven Dekarbonisierung von Automobilherstellern, Zulieferern, Materialunternehmen und Logistiksystemen.
Dies ist besonders wichtig, da Chinas Automobilindustrie ihre Globalisierung beschleunigt,“ so Zhou.
Es genügt also zukünftig nicht lediglich Autos zu bauen. „Das nächste Ziel der chinesischen Automobil-Dekarbonisierung besteht also nicht einfach darin, einzelne Fahrzeuge umweltfreundlicher zu machen. Ziel ist es, die gesamte Wertschöpfungskette der Automobilindustrie umweltfreundlicher, transparenter und nachhaltiger zu gestalten. Zukünftig wird die Fähigkeit zur CO2-Reduzierung genauso wichtig sein wie Elektrifizierung, künstliche Intelligenz und Integration. Sie wird zu einer der Kernkompetenzen der chinesischen Automobilindustrie werden, wenn diese auf die globale Bühne tritt,“ prognostiziert Zhou.
Internationale Abstimmung und gemeinsame Normen
Doch angesichts der hohen Exportsteigerungen der chinesischen Autoindustrie zeichnen sich eher Abschottungstendenzen ab. Aber nur bei einer internationalen Abstimmung können die Herausforderungen des Klimawandels und andere Zukunftsprobleme gelöst werden. Die psychologische Herausforderung für den Westen, der sich in den vergangenen Jahrhunderten als Triebkraft der wirtschaftlichen Entwicklung sah Ist die Tatsache das es diesen nicht mehr gibt. Die US-amerikanische Regierung leugnet nicht nur den Klimawandel und setzt sich ab von internationalen Gremien, sondern bedroht selbst die Integrität Europas.
Wohlstand wird nicht mehr in erster Linie von den traditionellen Industrieländern generiert. China ist noch immer für ein Drittel des weltweiten Wirtschaftswachstum verantwortlich. Doch die Waren aus China drängen jetzt auch mit hochwertigen Produkten wie Maschinen, Umwelttechnik oder Elektroautos auf die Weltmärkte. Eine ohne Exportquote, die noch vor kurzen von Deutschland selbst als Erfolg deutscher Schöpferkraft gesehen wurde, ist jetzt bei China unfair. Immerhin hat jedoch Deutschland immer noch eine Exportquote bei Autos von über 70 Prozent. Ein Wert, den China wegen seiner enormen Produktionskapazitäten nicht erreichen kann.
China: „Es gibt keine Überkapazitäten“
Das chinesische Handelsministerium (MOFCOM) erläutert in einem aktuellen Positionspapier seinen industriepolitischen Kurs und weist Vorwürfe struktureller Überkapazitäten zurück. China ist bereit, mit allen Beteiligten zusammenzuarbeiten, um den Aufbau eines offenen und inklusiven globalen Lieferkettenkooperationssystems zu fördern.
„Bei der Betrachtung der Produktionskapazitäten ist eine historische und dialektische Perspektive unerlässlich, um selektive Sichtweisen zu vermeiden. Hohe Exporte und große Handelsüberschüsse sind das Ergebnis globaler industrieller Arbeitsteilung und kein Beweis für sogenannte „Überkapazitäten“. Ein Blick auf die Geschichte der globalen Wirtschaftsentwicklung zeigt, dass 80 % der US-amerikanischen Chips exportiert werden, etwa zwei Drittel der Boeing-Verkehrsflugzeuge außerhalb Nordamerikas verkauft werden und die Handelsüberschüsse der EU bei Automobilen, Pharmazeutika und Kosmetika oft mehrere zehn Milliarden Dollar erreichen. Die eklatanten Doppelstandards mancher Länder offenbaren deren Kurzsichtigkeit und Angst vor industriellem Wettbewerb.
Noch alarmierender ist, dass diese Argumente zur Politisierung von Handel und Wirtschaft missbraucht werden, globale Lieferketten stören und Handelskonflikte verschärfen. Der US-Inflationsbekämpfungsgesetz schließt andere Länder unter der Bedingung der Lokalisierung aus, und der EU-Industriebeschleuniger-Act verknüpft lokale Wertschöpfung mit finanzieller Unterstützung. Gerade diejenigen, die andere kritisieren, sind es, die diskriminierende Subventionen gewähren und den fairen Wettbewerb untergraben.
Chinas Position in dieser Angelegenheit war immer klar: Wir scheuen den Wettbewerb nicht, aber wir lehnen es ab, den Wettbewerb in eine Konfrontation umschlagen zu lassen. China respektiert die Marktregeln und ruft alle Parteien auf, zum Dialog und zur Konsultation im Rahmen eines multilateralen Systems zurückzukehren.
Chinas industrieller Aufstieg wird von Innovationen und tiefgreifenden Reformen angetrieben. Die Weltöffentlichkeit sieht oft nur die rasante Entwicklung und die starken Exporte von Chinas künstlicher Intelligenz, Elektrofahrzeugen und Lithiumbatterien und ignoriert dabei häufig die langfristigen Anstrengungen und Bemühungen, die hinter dieser Wettbewerbsfähigkeit stehen. Sie ist das Ergebnis langfristiger, hochinvestierter Forschung und Entwicklung, der Schulung durch einen riesigen Markt, des Aufbaus eines umfassenden Industriesystems und, vor allem, der Weiterentwicklung durch kontinuierliche und tiefgreifende Reformen. China ist nicht nur die Werkbank der Welt, sondern auch der Weltmarkt und darüber hinaus das „leistungsstärkste Fitnessstudio der Welt“. Chinas Entwicklung ist sowohl eine bewusste Marktentscheidung als auch ein Geschenk der Innovation.
China bringt der Welt keinen „Schock“, sondern echte Chancen. Seit über einem Jahrzehnt liegt Chinas Beitrag zum globalen Wirtschaftswachstum bei rund 30 %, und die Tatsache, dass „der Handelsüberschuss in China liegt und alle davon profitieren“, ist unbestreitbar. Gleichzeitig sorgt die massive Binnennachfrage, die durch den steigenden Konsum, die grüne Transformation und den Ausbau der digitalen Infrastruktur von über 1,4 Milliarden Menschen angekurbelt wird, für stabile und nachhaltige Aufträge weltweit.
Chinas Entwicklung ist untrennbar mit der Welt verbunden, und der weltweite Wohlstand ist ebenfalls auf China angewiesen. Mit Blick auf die Zukunft müssen wir den Klimawandel bewältigen, die digitale Kluft überbrücken und die wirtschaftliche Erholung fördern – dies sind gemeinsame Herausforderungen für die gesamte Menschheit. Sie erfordern keine Entkopplung oder das Abbrechen von Verbindungen, sondern vielmehr gemeinsame Anstrengungen. Nur indem wir Offenheit, Kooperation, gegenseitigen Nutzen und Win-Win-Situationen wahren und gemeinsam den globalen Entwicklungskuchen vergrößern, können wir den richtigen Weg in die Zukunft finden, so das MOFCOM.
Westliche Deutungshoheit ging verloren
Diese Thesen bieten eine Grundlage für konstruktive europäisch- chinesische Gespräche zur Lösung der Probleme. Doch der Westen verhängt eher einseitig Sanktionen und arbeitet weniger an nachhaltigen, global wirksamen Lösungen.
Das bereits angesprochene psychologische Dilemma des Westen besteht auch darin, dass er nicht mehr die Deutungshoheit für internationale Normen besitzt. Auch hier zerfällt er und Europa wird zudem durch die USA attackiert. Dies jetzt durch Handelsbeschränkungen, welche die USA durch angebliche Zwangsarbeit in Europa verhängt. Wie es in amerikanischen Gefängnissen in der Realität aussieht und welcher Zwang zu Arbeit dort herrscht wird übergangen. Auch die Zulieferungen von Tesla stehen nicht im Fokus. Der Westen wird durch solche Doppelmoral, nein durch solche moralfreie Überheblichkeit weltweit unglaubwürdig und verliert seine Vorbildfunktion.
China international viel beliebter als die USA
Die Menschen in vielen Ländern sehen China mittlerweile positiver als die USA. Laut einer Umfrage von Pew Research in drei Dutzend Ländern haben mehr Menschen Vertrauen in Xi als in Trump. Dies ist eine recht neue Entwicklung und während China schnell zulegt verliert die USA dramatisch. Noch 2023 hatte eine Mehrheit der Kanadier (57 %) eine positive Meinung von den USA, während nur 14 % China positiv gegenüberstanden. 2025 waren die Kanadier den USA und China gegenüber gleichermaßen positiv eingestellt. Mittlerweile haben mehr Kanadier eine positive Meinung von China (44 %) als von den USA (33 %).
Die Zustimmungsraten sind in den einzelnen Ländern sehr unterschiedlich. Besonders auch bei den meisten Nachbarländern legte China stark zu (erste Zahl USA, zweite Zahl China):
Pakistan 15 90
Malaysia 19 75
Indonesien 29 72
Die USA werden nur in sechs Ländern positiver wahrgenommen als China, darunter vier in der Asien-Pazifik-Region: Indien, Japan, die Philippinen und Südkorea.
In europäischen Ländern erzielt keiner der beiden Präsidenten eine Mehrheit positiver Bewertungen, doch Xi Jinping genießt tendenziell ein besseres Ansehen als Trump. In Deutschland, Griechenland, Italien, den Niederlanden, Spanien, Schweden und Großbritannien liegt Xi mit deutlichem Abstand vor Trump, wobei seine höchste Beliebtheitsrate in Großbritannien lediglich 37 % beträgt. In Deutschland liegen die Werte bei 25% (USA) und 33 Prozent (China),
Es geht jedoch für Europa nicht darum sich gegen die USA positionieren. Doch sollte es sich der Koalition der Länder anschließen, die internationale Entwicklungsverantwortung übernimmt und internationale Institutionen stärkt. Anderenfalls sinkt auch der globale Einfluss Europas weiter.
China strebt nicht nach Weltherrschaft
Die europäische Politik setzt jedoch eher auf verstärkte Abschottung und Zollmauern und warnt davor, dass China eine weltweite Vorherrschaft anstreben würde. Doch Chinas grüner nachhaltiger Entwicklungsplan konzentriert sich in erster Linie auf das eigene Land. Damit hat China in den wichtigsten Bereichen wie Elektromobilität und grüne Energie einen Inlandsanteil von weit über 60 Prozent der weltweiten Absatz und Produktion. Diese Menge schuf große Kosten- und Technologievorteile, aber auch gewaltige Produktionskapazitäten, die jetzt auf die Weltmärkte strömen. Chinas schiere Größe könnte damit die weltwirtschaftliche Strukturen zerstören, da es ein Mehrfaches der EU produzieren kann. Dies ist auch der chinesischen Politik bewusst.
Lösungen dafür müssen gefunden werden. Nicht gegen China, sondern möglichst mit China. Doch die europäische Politik fremdelt mit China, während die Bürger China eher positiv sehen. In Folge davon fremdeln ihre Bürger auch zunehmend mit ihren etablierten Regierungen. Nicht nur das europäische Wohlstandsmodell steht auf dem Spiel, sondern auch unsere freiheitliche demokratische politische Grundordnung.
Chinesische smarte Elektroautos in Europa zunehmend beliebt
Die günstige smarte Elektromobilität könnte in diesem Gemenge ein zentrale Rolle spielen. Nach einer aktuellen McKinsey-Umfrage sehen In Deutschland und Großbritannien 2026 bereits 54% chinesische Hersteller bei BEV-Technik vorn, ein Jahr zuvor waren es erst 44%. Die Markentreue bröckelt.
Viele potenzielle Käufer nennen fehlendes Vertrauen sowie Unsicherheit beim Service- und Werkstattnetz als Gegenargument. Doch das ändert sich schneller als bei der europäischen Markteinführung japanischer Marken, die von den europäischen Autokonzerne zunächst als nicht ernst zu nehmendes Spielzeug belächelt wurden. In der Befragung fällt besonders BYD auf. Das Markenimage steigt bei Befragten in Deutschland und Großbritannien von 430 Punkten (2025) auf 536 Punkte (2026). Zugewinne gibt es vor allem bei Innovation, Technik, Preis-Leistung sowie Qualität und Zuverlässigkeit. Im Premiumsegment, in dem deutsche Marken bis vor kurzem führend waren und damit enorme Gewinne realisierten liegt die Wechselneigung höher als in der Breite, und bei E-Autos ist sie nochmals ausgeprägter.
Konsolidierung der Branche
Der harte Wettbewerb der Autobranche nutzt den Käufern, führt jedoch zu stark sinkenden Gewinnmargen, bei einigen Konzernen zu Verlierern. Doch eher leise realisieren einzelne Konzerne Spitzengewinne. Im ersten Quartal 2026 legte CATL eine Bilanz vor: Ein Umsatz von 129,1 Milliarden Yuan, ein Nettogewinn von 20,738 Milliarden Yuan – das entspricht einem täglichen Nettogewinn von 230 Millionen Yuan.
Im selben Zeitraum lag die durchschnittliche Gewinnmarge der chinesischen Automobilindustrie bei etwa 1,5 %. Die durchschnittliche Gewinnmarge des verarbeitenden Gewerbes insgesamt liegt üblicherweise bei etwa 5 %. Das Automobilbau ist zu einem der am wenigsten profitablen Geschäfte im verarbeitenden Gewerbe geworden.
Gewinne werden weniger mit dem Autobau realisiert, sondern mit den neuen elektrischen und smarten Zulieferteile Im gleichen Zeitraum lag die Bruttogewinnmarge von Huawei Intelligent Automotive Solution bei 55 %, und bei Momenta und Horizon Robotics war sie sogar noch höher.
Traditionelle Tier-1-Zulieferer wie Kabelbäume, Innen- und Außenteile sowie Pressteile leiden jedoch unter dem Druck von jährlichen Preisnachlässen und verlängerten Zahlungsfristen.
Chen Shihua, stellvertretender Generalsekretär des China Association of Automobile Manufacturers, erklärt. „das Geld wird nicht von den traditionellen Komponentenlieferanten im oberen Bereich verdient, sondern von denen, die sich mit Intelligenz, Batterien und Chips befassen.“
Links
Europas Hitzewelle ist ein Weckruf für die Autoindustrie
China’s Position on the So-called ExcessCapacity Issue
Xinhua-Kommentar: Die sogenannte „Überkapazität in China“ ist eine falsche Behauptung; das eigentliche Problem sind die Chancen in China
Die Menschen in vielen Ländern sehen China mittlerweile positiver als die USA
Nachdem die Gewinne der Automobilhersteller geschrumpft sind, wer gestaltet die Automobilindustrie neu?
McKinsey-Umfrage: Europäer trauen China-Marken bei E-Autos immer öfter die Technik-Führung zu
Autobranche. Asien vs. Deutschland: 7 Vor(ur)teile
Foto: © Thomas Kiefer
ASIA MEDIA SERVICE, Dr. Thomas Kiefer
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