1. April 2026
Welche Chancen bietet Chinas neuer Fünfjahresplan der Hamburger und deutschen Wirtschaft? Darüber diskutierten eine hochkarätige Runde und ein fachkundiges Publikum in der Handelskammer Hamburg.
Viele Menschen im Westen zeigten sich von Chinas schneller Entwicklung überrascht. Das Land stieg in kurzer Zeit von einem technologisch rückständigen Entwicklungsland zum Technologieführer bei grünen Zukunftsindustrien auf. Zwischen 1978 und 2022 sind die durchschnittlichen Reallöhne im städtischen Raum um über 2.400 Prozent gestiegen, die Armut für Hunderte Millionen Menschen wurde überwunden. Doch das sollte keine Überraschung sein. Chinas Entwicklungsweg war in seinen Wirtschaftsplänen nachzulesen. Überraschend ist eher, dass die Planziele weitgehend erreicht wurden. Wie das? Die Pläne sind weniger dirigistisch, sondern geben vielmehr flexibel Zielvorgaben vor.
China ist innerhalb weniger Jahrzehnte von einem Entwicklungsland zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt aufgestiegen. Die Fünfjahrespläne seien dafür die unverzichtbare Grundlage gewesen, erklärte Lin Dong, Chinas Generalkonsul in Hamburg in seiner Grußbotschaft. Und die Hansestadt bleibe „weiterhin eine Brücke für unsere deutschen Freunde, um Chinas Wirtschaft besser zu verstehen“.
Wenn China einen neuen Fünfjahresplan in Kraft setzt, hat das Folgen für die gesamte Weltwirtschaft, so Olaf Preuß in der „Welt“. Seit Mitte März gilt für Chinas Wirtschaft der 15. Fünfjahresplan für den Zeitraum bis 2030. In den 1950er-Jahren übernahm die damals noch junge Volksrepublik China unter Mao Zedongs Führung Fünfjahrespläne nach Vorbild der Sowjetunion. „Chinas Fünfjahresplan ist heutzutage allerdings kein Instrument der Planwirtschaft mehr, sondern eine mittelfristige Strategie“, sagte der chinesische Ökonom Professor Di Dongsheng von der Pekinger Renmin-Universität bei der Veranstaltung „Chinas neuer Fünfjahresplan: Pekings Wirtschaftsstrategie und deren Bedeutung für Deutschland“ in der Handelskammer Hamburg. Es gehe um koordinierte Entwicklung, sagte Di und unterlegte das bei seinem Vortrag mit der Illustration eines Schwarmbildes. Im Rahmen des Plans bewegen sich die Akteure nicht wild durcheinander. Sie können sich frei bewegen, werden jedoch koordiniert zum Ziel hinbewegt.
Grüner Plan und Qualität vor Menge
China schaltet seit Jahren um von Masse auf Klasse, auf technologisch höherwertige Produkte und immer modernere, teils bereits vollautomatische Fabriken. Der Binnenmarkt soll weiter gestärkt werden, die erneuerbaren Energien ausgebaut, künstliche Intelligenz und Digitalisierung, Bio- und Medizintechnologien in aller verfügbaren Bandbreite genutzt werden. Dekarbonisierung und „grüne“ Transformation stünden im Zentrum des neuen Fünfjahresplans, sagte Di Dongsheng, mehr als die Hälfte seines Inhaltes beschäftigten sich mit der Abkehr von fossilen Energien. Verbessern wolle China mithilfe des Plans zudem die Sicherheit der Energieversorgung und der Ernährung. Zweistellige jährliche Wachstumsraten des Bruttoinlandsproduktes (BIP) verfolgt China aktuell nicht mehr, Experten gehen für die Zeit bis 2030 eher von vier bis fünf Prozent jährlichem Wachstum aus.
Chancen für Hamburg
Doch was bedeutet dies für Hamburg? Grundsätzlich würde Chinas Strategie perfekt zu den Ideen der Handelskammer Hamburg passen. Die zentrale Vertretung von rund 180.000 Hamburger Unternehmen hat ihr Zielbild bis zum Jahr 2040 ebenfalls um Megatrends herum formuliert – es geht um die Chancen, mit der Entwicklung einer dekarbonisierten, hoch technisierten und resilienten Wirtschaft gutes Geld zu verdienen. „China schaltet um von quantitativem Wachstum um auf eine hochqualitative Entwicklung“, so Philip Koch, Leiter des Stabsbereichs Strategie und internationale Beziehungen bei der Handelskammer Hamburg. „Für Hamburger Unternehmen bietet das enorme Chancen.“ Allerdings sehe man derzeit auch, dass die Importe aus China zunähmen und Deutschlands Exporte nach China stärker „unter Druck stehen“. Rund 600 Hamburger Unternehmen haben laut Handelskammer Geschäftsbeziehungen mit und nach China. Rund 80 von ihnen haben eine Niederlassung vor Ort, rund 30 eine Produktionsstätte. Im vergangenen Jahr kamen Waren aus China für rund 8,8 Milliarden Euro über Hamburg nach Deutschland, Güter für etwa 4,8 Milliarden Euro wurden via Hamburg nach China exportiert. China ist der mit Abstand wichtigste Außenhandelspartner in der Statistik des Hamburger Hafens. Auch im Hafen selbst hat China seine Präsenz vor einigen Jahren ausgebaut, mit einem Anteil des staatlichen Maritimkonzerns Cosco von 24,9 Prozent am HHLA-Containerterminal Tollerort.
Auch Europas Staats- und Regierungschefs reisen wieder öfter nach Peking, seit die USA unter Donald Trump als zuverlässiger Partner der Europäischen Union ausfallen. Und China nutzt sein neues Gewicht, um den regelbasierten Freihandel und langfristige gegenseitige Bindungen zu preisen. Tatsächlich aber hat China kein Problem damit, die internationalen Märkte als Überlaufbecken für seine zumeist konkurrenzlos billig hergestellten Waren zu nutzen, wenn sein Binnenmarkt nicht so läuft wie erhofft, berichtet Preuß.
Marktwirtschaftliche Konkurrenz sorgt für Innovationen
Deutsche Unternehmen seien in China nach wie vor sehr willkommen, erklärte Ferdinand Schaff, Chinaexperte beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI). Dennoch werden sie aus seiner Sicht auch weiterhin Anteile am chinesischen Markt verlieren. Das liege auch an einer „verschärften Konkurrenz chinesischer Unternehmen untereinander am heimischen Markt“. Jost Wübbeke vom Berliner Beratungsunternehmen Sinolytics fügte hinzu, chinesische Unternehmen aus verschiedenen Branchen würden immer stärker von „Technologiefolgern zu Technologieführern“. Bei der Solarenergie haben man dies vor 20 Jahren schon gesehen, bei der Elektromobilität wiederhole sich dies nun in weit größerem Umfang: „Und das liegt nicht nur an der chinesischen Wirtschaftspolitik, sondern auch an der Innovationsdynamik chinesischer Unternehmen.“
Wachsende Mittelschicht verlangt hochwertige Waren
Bei aller chaotisch wirkenden Dynamik gibt es aber aus Sicht vieler Unternehmen und Branchen in China auch eine Zahl mit geradezu magnetischer Wirkung: Die kaufkräftige chinesische „Mittelschicht“ umfasse derzeit rund 300 Millionen Menschen, sagte Song Lifang, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Pekinger Renmin-Universität. Gemessen an Chinas Gesamtbevölkerung von rund 1,4 Milliarden Menschen seien das gerade einmal rund 21 Prozent. In Deutschland und anderen westlichen Staaten stehe die Mittelschicht für 50 bis 60 Prozent der Bevölkerung. Es sei also realistisch, sich vorzustellen, dass die Mittelschicht in China schon in absehbarer Zeit 500 bis 600 Millionen Menschen umfassen werde – Konsumentinnen und Konsumenten mit dann viel mehr Einkommen, als sie es zur Deckung ihres alltäglichen Bedarfs benötigen.
Probleme gemeinsam lösen
Der gewaltige Handelsüberschuss von China ist aus deutscher Sicht eines der größten Probleme für Deutschland. Doch hilft es uns weniger deshalb einseitig Sanktionen zu verhängen. Besser ist es, mit China nach Lösungen für nachhaltige Wirtschaftsbeziehungen zu suchen. Exporte aus Deutschland können mithilfe chinesischer Geschäftspartner besser an die Wünsche chinesischer Verbraucher angepasst werden. Zudem sollten sich die Investitionsbedingungen in Europa für chinesische Konzerne verbessern. Das schafft Wertschöpfung, sorgt für Steuereinkommen und schafft Arbeitsplätze vor Ort. Dies gibt unserer Industrie einen dringend benötigten Innovationsschub. Und: Der neue chinesische Fünfjahresplan ist ein grüner Plan. Die europäische Klimapolitik muss pragmatischer und an Erfolgen gemessen werden. Gemeinsam können Lösungen für Zukunftsprobleme gesucht werden. Dafür bietet der chinesische Entwicklungsplan für deutsche Unternehmen spannende Ansätze. Die Politik sollte dies pragmatisch fördern.
Links
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Fotos: © Thomas Kiefer
ASIA MEDIA SERVICE, Dr. Thomas Kiefer
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