Chinas neuer Fünfjahresplan
Neue Kooperationspotentiale / Chinesische Exportmärkte über Landports erschließen

16. März 2026

Nach dem coronabedingten Einbruch der direkten Beziehungen zu China zeigten sich viele in der westlichen Welt von Chinas technologischen Sprung überrascht. Doch die Technologie- und Industriepolitik der Volksrepublik kann in den Fünfjahresplänen und weiteren langfristig angelegten Entwicklungsplänen nachgelesen werden. Darin war schon seit längeren eine Konzentration auf Bildung und Wissenschaft sowie Elektromobilität und grüner Energie festgeschrieben. Zudem war zu sehen, das China seit der Öffnungspolitik die Ziele seiner Pläne weitgehend erreicht hatte.
Jetzt ist es angesichts einen neuerlichen Kriegs der USA gegen den Iran, welche die Welt mal wieder schwer beutet, in unseren Medien etwas ruhiger um die Planverabschiedung, als in vorhergehenden Jahren. Doch die Meldungen sind wie immer sehr gespalten. Manche Medien warnen seit Jahrzehnen, dass Chinas Wirtschaft, das Land insgesamt kurz vor dem Zusammenbruch stehe. Andere analysieren die Pläne, nennen die großen Herausforderungen und zeigen Chinas Lösungswege auf. Während der Westen ist in Kriege verstrickt ist, plant China seine Zukunft.

Asiatische Wirtschaftspläne funktionieren 

Wichtig es dabei zu verstehen, dass die Verabschiedung der Entwicklungspläne in China kein von oben diktierter Akt ist. Im Voraus gab es unzählige Foren in denen Fachleute, Bürger oder Provinzen ihr Wissen und ihre Ansichten einbrachten. In der Praxis dürfte Chinas Industriepolitik besser als westliche Ansätze funktionieren, da sie umfassender vorbereitet wird, viele Meinung im Vorfeld berücksichtigt werden und sie auf praktische Ergebnisse ausgerichtet ist.

Im Vorfeld Probleme klären und Konsens bei Entscheidungen. Dies dürfte weniger ein politischen und mehr einen kulturellen Hintergrund haben. Die Erfolgsquote von Regierungsvorlagen liegt auch in Japan extrem hoch, teilweise bei über 95 Prozent bis fast 100 Prozent. Diese kulturellen Grundsätze haben viele Kritiker, die in einem alten, dualistischen Weltbild geistig stehengeblieben sind, nicht verstanden. China sozialistische Marktwirtschaft hat kaum etwas mit den Planwirtschaften der vormaligen DDR und osteuropäischer sozialistischer Staaten zu tun. Sie orientiert sich eher an den Wirtschaftsplänen Japans, Südkoreas oder Singapurs.

Dies Konsensmodell widerspricht dem Chinabild westlicher Kritiker, die damit die Triebkräfte von Chinas Entwicklungsmodell nicht begreifen können. Schnelle, pünktliche Züge, bezahlbare Elektroautos, Bürokratieabbau und viele weitere praktische Errungenschaften sind die Messlatten, ob das System gut funktioniert.

Entwicklung ist nach innen und nicht auf Vorherrschaft ausgerichtet

Und der Plan ist weniger auf Vorherrschaft ausgerichtet, sondern auf die Entwicklung und Wohlstandssteigerung im eigenen Land. Über die Hälfte aller Elektroautos, der Windkraftanlagen oder Solarkraftwerke der Welt laufen in China. Systemischer Rivale – das interessiert China ebenso wenig wie auch Indien oder Brasilien, die alle eigene, recht unterschiedliche Vorstellungen von einer multipolaren Welt haben, so die Stiftung Wissenschaft und Politik in ihrer Studie „Multipolaritäten – Die Ordnungsvorstellungen der anderen“. Auf einige dieser Vorstellungen kann Europa aufbauen und aus den Zielen des neuen Fünfjahresplans für beide Seiten nützliche Kooperationsfelder erschließen. Europa brauch neue Partner für internationale Kooperationen. Bei einem Anteil von lediglich 5,5 Prozent der Weltbevölkerung und des Abhandenkommens des langjährigen Wertepartner USA droht sonst ein weiterer Bedeutungsverlust.

Schwerpunkte des 15. Fünfjahresplans Chinas

Im Mittelpunkt der diesjährigen Tagungen des Nationaler Volkskongress und der Politische Konsultativkonferenz des chinesischen Volkes stand die strategische Neuausrichtung der chinesischen Wirtschaft, nicht zuletzt vor dem Hintergrund zunehmender geopolitischer Spannungen. China setzt verstärkt auf einen Wandel weg vom reinen Fokus auf Wachstumstempo hin zu höherer Qualität, Innovation und technologischer Eigenständigkeit. Für das laufende Jahr strebt die Regierung ein BIP-Wachstum von 4,5 bis 5 Prozent an – das niedrigste Wachstumsziel seit 1991.

Nicht Quantität, sondern Qualität zählt

Doch hier sollten weniger Prozentzahlen, sondern eher die Summen betrachtet werden. 2005 lag das Wachstum bei etwa 10 Prozent, ein Wachstum von 1,8 Billionen Yuan. Ein unterstelltes Wirtschaftswachstum von 5 Prozent 2025 generierte ausgehend von einem höherem Bruttoinlandsprodukt etwa 7 Billionen Yuan Zuwachs. Eine bessere entwickelte Volkswirtschaft kann nicht laufend astronomisches Mengenwachstum generieren. Dies wäre Verschwendung von Ressourcen. Diese Verschwendung ist deutlich im Wohnungsbau zu sehen. Im Immobiliensektor soll der Schwerpunkt stärker auf den Abbau leerstehender Wohnungen gelegt werden.

Technologische Neuausrichtung

Die technologische Neuausrichtung spiegelt sich im kommenden 15. Fünfjahresplanwider. Zentrale Themen sind hier technologische Souveränität und industrielles Upgrading. Geplant ist zudem die Erstellung einer nationalen Liste kritischer und zukunftsweisender Technologien. Diese soll als Lenkungsinstrument für staatliche Ressourcen dienen, etwa für Forschungsförderung und Subventionen, Industriefonds und Venture-Capital-Programme, Steuererleichterungen sowie erleichterten Zugang zu Kapitalmärkten. Die Beschlüsse zeigen, dass technologische Eigenständigkeit für China künftig noch stärker zur Priorität wird, schätzt „china-decoded“.

Schwerpunktverschiebungen des 15. Fünfjahresplans:

Wurde KI früher eher allgemein als strategische Schlüsseltechnologie bezeichnet, gilt nun „verkörperte KI“ als Zukunftsbranche. Das deutet auf eine Reife des KI-Sektors hin und darauf, dass China verkörperte KI, anders als große Sprachmodelle, als eigenen strategischen Ansatz positionieren will. Gleichzeitig wird KI als gesamtes Feld weiterhin Förderung in der Grundlagenforschung erhalten und in mehreren ambitionierten Vorhaben eingebettet, wie der „KI+“-Initiative, die die breite Anwendung von KI-Systemen in der chinesischen Wirtschaft anstrebt.

Der Drang zur technologischen Eigenständigkeit nimmt weiter. China verspürt durch die geopolitische Auseinandersetzung mit den USA enormen Druck und setzt deshalb auf Autarkie in einem immer größeren Teil der chinesischen Wirtschaft. Wie genau diese Maßnahmen aussehen werden, ist noch unklar, aber deutsche und europäische Unternehmen sollten sich darauf einstellen, dass sich in diesen Branchen chinesische Konkurrenz entwickelt.

Um die einzelnen Punkte des neuen Fünfjahresplans zu studieren sind die Dokumente und Analysen im Internet anzuraten. Hier sollen lediglich einige Hintergründe erklärt werden, um diese Punkte besser einordnen zu können.

Weltpolitik ist nicht planbar

Chinas Fokus auf technologische Eigenständigkeit ist weniger ein Weg um Weltdominanz zu erzielen. Vielmehr ist dies eine Reaktion auf die unberechenbare US-Politik und Wirtschaftsbeschränkungen seitens der USA. Das Land möchte sich nicht abkoppeln, sondern sucht Technologiepartner. Unternehmen aus Europa sind willkommen, sehen sich jedoch in China einem stärkeren Wettbewerb ausgesetzt.

Handelsungleichgewichte lösen

Ein großes Problem bleibt Chinas enormer und weiter steigende Außenhandelsüberschuss. Auch wenn gesehen werden muss, das Deutschlands Exportquote in viel Bereichen höher als diejenige Chinas ist, müssen dafür gemeinsame Lösungen gefunden werden. Denn die Masse könnte die Weltmärkte zusammenbrechen lassen und damit auch Chinas Absatzmärkte zerstörten. Dabei muss beachtet werden, dass nicht China, sondern selbständige Unternehmen aus China exportieren. Viele davon sind ausländische Unternehmen, wie Tesla.

Chinesische Importmärkte über Landports erschließen

Ein Blick in Chinas Nachbarländern der ASEAN-Staaten oder zentralasiatische Länder zweigt wie dies funktionieren kann. Einige dieser Länder haben Außenhandels-Überschüsse gegenüber China. In „Landports“ sowohl in diesen Ländern, als auch in Zentralchina werden Waren aus diesen Ländern für China vermarktet und schnell zu den Kunden gebracht.
Zudem sind einige dieser Länder sehr offen für chinesische Investitionen. Autos oder Umwelttechnik chinesischer Konzerne werden in den Nachbarländern produziert. Dies schont nicht nur die Handelsbilanz, sondern schafft Wertschöpfung und Arbeitsplätze vor Ort.

Nicht Abschreckung, sondern Anreize

Die EU geht jedoch mit ihren neuen Industriepolitischen Maßnahmen eher den Weg der Abschreckung und strengen Vorgaben. Hier ist ein Umdenke erforderlich und ein wirklicher Dialog auf Augenhöhe anzuraten. Und die EU könnte von Asien auch lernen, wie Industriepläne praktisch Erfolge erzielt: durch eine breite Diskussion im Vorfeld, durch Anreize für Verbraucher und Unternehmen und eine langfristige Perspektive. Industriepolitik ist keine Systemfrage, sondern eine Frage der Organisation.


Links

China veröffentlicht vollständigen Text wichtigster Empfehlungen für nächsten Fünfjahresplan

Entwurf des 15. Fünfjahresplans

CRI. Gemeinsame Schaffung einer schönen Zukunft mit dem 15. Fünfjahresplan

Tagesschau. China- Fünfjahresplan beschlossen

China Table

China Decoded

Chinahirn. Eine Nachlese zum Nationalen Volkskongress

Stiftung Wissenschaft und Politik. Multipolaritäten – Die Ordnungsvorstellungen der anderen

DGAP. Tech-Prioritäten in Chinas Fünfjahresplan

RND. Die Welt schaut nach Peking - Chinas Fünfjahresplan – und was er für uns bedeutet

WKO. Chinas Fünfjahresplan: Qualität statt Wachstum

NZZ. Tiefstes Wachstumsziel seit Jahrzehnten: Wohin steuert China?

SPIEGEL. »Für Europa bedeutet der Plan einen extrem harten Wettbewerb«

Süddeutsche Zeitung. Mit neuem Fünfjahresplan: China treibt Modernisierung voran


Foto: © Thomas Kiefer
ASIA MEDIA SERVICE, Dr. Thomas Kiefer

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