23. Februar 2026
Die Koffer sind bereits gepackt, und Bundeskanzler Friedrich Merz fliegt morgen mit der größten Wirtschaftsdelegation seit Langem nach China. Die Reise war lange aufgeschoben. Doch die Chinakenner der deutschen Wirtschaft sind seit Jahrzehnten in China. Auch die Chefs der drei großen deutschen Autokonzerne sind in der Kanzler-Delegation:
Oliver Zipse (Vorstandsvorsitzender BMW AG),
Oliver Blume (Vorstandsvorsitzender Volkswagen AG),
Ola Källenius (Vorstandsvorsitzender Mercedes-Benz Group AG).
Die drei Manager dürften seit Langem jedes Jahr mehrere Monate in China verbringen. VW-Chef Blume promovierte im Bereich Fahrzeugtechnik an der Tongji-Universität Shanghai bei dem chinesischen Elektroauto-Pionier Wan Gang. Sie kennen China bestens; besser als jeder Politiker.
Entkoppelung: deutsche Investitionsrekorde in China
Als Konzernlenker sind sie ihren Anteilseignern gegenüber verpflichtet, Gewinn zu machen. Das scheint jedoch in Deutschland zunehmend schwierig. Während die Industrie in Deutschland massiv Arbeitsplätze abbaut, gibt es in China Investitionsrekorde deutscher Unternehmen. Dies ist die von der Politik geforderte Entkoppelung, dies ist Risikominderung der deutschen Industrie in der Praxis. Wenn deutsche Unternehmen in China bessere Produktionsbedingungen, ein optimaleres Forschungsumfeld, weniger Bürokratie und weiterhin einen lukrativen Absatzmarkt sehen, ist dies China nicht anzulasten. Dies sollte eher ein Ansporn sein, in Deutschland, in Europa bessere und erfolgversprechendere Industriepolitik zu lernen und umzusetzen. Die Zeit drängt.
Viele Klagen, kaum funktionierende Konzepte
Die Medienberichte im Vorfeld der Reise konzentrieren sich auf Klagen, auf Forderungen. Der Kanzler solle klare Kante zeigen. Sicherlich sind viele Probleme zu lösen, aber viele Probleme sind auch hausgemacht. Eine Grundsatz wird dabei vernachlässigt: Es müssen gemeinsam Positionen für Begriffe wie fairen Marktzugang oder ungerechtfertigte Subventionen gefunden werden. Die Deutungshoheit für die Regeln der internationalen Wirtschaftsbeziehungen liegt nicht mehr allein bei den westlichen Industrieländern. Und um mit China gute Verhandlungsergebnisse zu erzielen, muss Merz auch etwas bieten, wie vor allem bessere Investitionsbedingungen für chinesische Konzerne in Deutschland.
China, weltgrößter Automarkt, weltgrößter Produktionsstandort
Die Grunddaten zur Automobilbranche zeigen, dass mit dem Aufstieg der Schwellenländer das deutsche Exportmodell zu Ende geht. Deutsche Autokonzerne exportieren immer noch einen Großteil ihrer Produktion. Bei China sind Produktion und Absatz noch ausgeglichen. Noch. Die Gesamtproduktion von Fahrzeugen (einschließlich Nutzfahrzeuge) lag in China 2025 bei über 34,5 Millionen Einheiten , ein Anstieg von über 10 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Verkäufe erreichten ebenfalls Rekordwerte und lagen bei rund 34,4 Millionen Einheiten. Im Segment der Personenkraftwagen wurde die Marke von 30 Millionen Einheiten sowohl bei der Produktion (ca. 30,27 Mio.) als auch beim Absatz (ca. 30,1 Mio.) überschritten.
Ende des deutschen Exportmodells
Im Jahr 2025 wurden in Deutschland rund 4,15 Millionen Pkw produziert. Der deutsche Neuwagenmarkt (Verkäufe/Zulassungen) belief sich 2025 auf 2.857.591 Pkw. Nicht China überschwemmte die Welt mit Exporten, sondern eher Deutschland. Mit dem Aufstieg der Schwellenländer stößt jedoch dieses Wirtschaftsmodell jedoch an seine Grenzen.
Der deutsche Markt ist, wie die Zahlen zeigen, nicht so interessant wie der riesige chinesische Markt. Die Zahlen zeigen auch das China mit seiner gewaltigen Produktionsmengen keinesfalls so hohe Exportquoten erreichen kann, wie vormals Deutschland. Die Lösung liegt bei einer Produktion vor Ort. Westliche Konzerne tun dies verstärkt in China. Für chinesische Konzerne fehlt es jedoch besonders in Deutschland an einer Willkommenskultur.
China hält weit über die Hälfte des Weltmarktes für grüne Zukunftstechniken
Während der US-Präsident den Klimawandel leugnet und in Europa die Klimapolitik an Stellenwert verliert, setzt China konsequent auf den Weg zu einer CO2-freien Produktion und Konsumtion. Elektroautos sind kein Selbstzweck, sondern Teil eines langfristig angelegten grünen Entwicklungsplans.
Laut Branchenanalysen und Daten der China Passenger Car Association (CPCA) entfielen 2025 etwa 67 bis über 70 Prozent der weltweiten NEV-Verkäufe auf China. Auch bei Umwelttechnik wie Solar- oder Windkraftanlagen hat China einen Anteil der inländisch installierten Anlagen von weit über 50 Prozent. Nicht Subventionen oder unfaire Handelsbedingungen sind eine Haupttriebkraft von Chinas grüner Technologie, sondern eine auf das eigene Land bezogene Förderung, das dem riesigen Binnenmarkt und grüner Technologie Vorsprünge schuf. Davon kann die ganze Welt profitieren.
Nicht China, sondern gewinnorientierte Unternehmen möchte Weltmärkte erobern
Auch das Wachstum des chinesischen Markts ist nicht unendlich, und so suchen chinesische Unternehmen, wie schon zuvor westliche, japanische oder südkoreanische Unternehmen, ihr Wachstum durch verstärkte Exporte zu steigern. China exportierte 2024 rund 1,3 Millionen Elektrofahrzeuge und immer mehr hochwertige Waren strömen aus China auf die Weltmärkte.
Das stark wachsende Handels-Ungleichgewicht, welches sich unter anderem durch „Made in China“ der internationalen Industrie ergeben, wird durch die schiere Größe seiner Industrie zu einem gewaltigen Problem. Auch amerikanische Konzerne setzten auf „Made in China“ und überschwemmen die Welt mit ihren in China gut und günstig produzierten Waren. Nicht China, sondern Konzerne, die untereinander im Wettbewerb stehen, wollen die Weltmärkte erobern. Allen voran Tesla.
Tesla: 72 Prozent der Chinaproduktion wird exportiert
Tesla verkaufte im Januar dieses Jahres 18.485 Fahrzeuge in China. Dies ist laut den von der China Passenger Car Association (CPCA) veröffentlichten Daten der niedrigste Wert seit November 2022. Das Werk des Unternehmens in Shanghai exportierte im Januar 50.644 Fahrzeuge, was nach 54.504 Einheiten im Oktober 2022 den zweithöchsten Wert seit Beginn der Aufzeichnungen darstellt. Allerdings war das Jahr 2022 stark von den Auswirkungen der Covid-Pandemie geprägt. In Summe liegt Tesla beim Großhandelsabsatz im Januar 2026 somit bei 69.129 Fahrzeugen und damit nur knapp unter den 71.000 Einheiten aus dem Januar 2024 und deutlich über den 63.000 Fahrzeugen aus dem Vorjahresmonat.
Im Umkehrschluss bedeutet dies: Wenn die chinesischen Produzenten eine solche aggressive Exportstrategie fahren würden wie Tesla, also etwa dreimal mehr Fahrzeuge exportieren würden, als sie auf dem heimischen Markt absetzen, würde der Weltmarkt zusammenbrechen. Noch einmal: Nicht China exportiert Autos, sondern dies sind selbstständige Unternehmen, welche in einem harten marktwirtschaftlichen Wettbewerb stehen.
Zum Jahresauftakt ist der Absatz von New Energy Vehicles in China um 19 Prozent auf 643.000 Fahrzeuge gesunken, unter anderem, weil sich zum Jahreswechsel die Förderpolitik geändert hat. Die NEV-Exporte aller Hersteller aus China haben sich im Januar jedoch auf 302.000 Fahrzeuge verdoppelt. Mit 50.644 exportierten Autos war Tesla alleine für ein Sechstel der chinesischen E-Auto-Exporte im Januar verantwortlich.
Ausgewogene Märkte erfordern gute Investitionsbedingungen
Um die Handelszahlen in ein ausgewogenes Verhältnis zu bekommen, wären bessere Wirtschafts- und Investitionsbedingungen für chinesische Technologieführer bei uns in Deutschland das wirkungsvollste Instrument. Doch dies liegt in weiter Ferne. Nicht ungerechtfertigte Subventionen oder unfaire Handelsbedingungen sind die Gründe für Chinas technologischen und wirtschaftlichen Aufstieg. Die Grundlage ist eine bessere, effektivere und langfristig angelegte Industriepolitik.
Dazu gehörte es auch, ausländische Konzerne ins Land zu locken. Zu Beginn der Modernisierungspolitik hatte China einen großen Handelsdefizit bei Automobilen. Durch Wettbewerb mit ausländischen Produzenten, für die in China gute Investitionsbedingungen entstanden, wurden die heimischen Produzenten gezwungen sich zu modernisieren und effektiver zu arbeiten. Durch die Anwerbung von Technologieführern gab es einen gewaltigen Technologieschub. Das Modell könnte auch in Europa funktionieren.
Dies funktioniert jedoch nur mit Anreizen, einer Willkommenskultur und keinesfalls mit Beschränkungen, überbordender Bürokratie, unsinnigen Auflagen und Marktzugangshemmnissen. Im Falle von Elektromobilität, bei Batterietechnik und grünen Energien würden wir zudem durch chinesische Investitionen einen enormen Technologieinput bekommen. Ganz ohne hohe Kosten.
Autoindustrie fordert liberale Märkte
Dies sieht auch die Autoindustrie so. Sie erwartet, dass Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) bei seiner China-Reise Marktliberalisierungen einfordert. „Die deutsche Seite muss detailliert darstellen, an welchen Stellen China wettbewerbsverzerrend arbeitet“, erklärte Hildegard Müller, Präsidentin des Autoverbands VDA, der „Welt am Sonntag“. „Ziel der Gespräche muss allgemein sein, die Märkte gegenseitig weiter zu öffnen – keine wechselseitige Abschottung.“
Die deutschen Autohersteller haben zuletzt deutlich an Absatz in China verloren. Als Grund gilt neben den hoch subventionierten neuen lokalen E-Auto-Marken auch eine neue Luxussteuer auf teure Autos, die vor allem deutsche Marken trifft, so der VDA. „Wir erwarten auch von China konstruktive Vorschläge zum Abbau von Wettbewerbsverzerrungen“, forderte Müller.
Wer definiert gerechte Wettbewerbsbedingungen?
Doch hier zeigt sich eines der Grundprobleme der gegenseitigen Wirtschaftsbeziehungen. Was sind Wettbewerbsverzerrungen? Die USA definiert dies ganz anders als die EU. Und China sowie die aufstrebenden Schwellenländer haben auch eigene Vorstellungen von gerechten Wettbewerbsbedingungen. Die Deutungshoheit des Westens ist zerbrochen, und neue internationale Regeln sollten gefunden werden. Nicht gegen, sondern mit China und den aufstrebenden Schwellenländern.
Für den Bundeskanzler scheint China ein lange aufgeschobener Pflichtbesuch zu sein. Merz und seine Minister tourten zuvor durch Asien oder Lateinamerika, um Wirtschaftsbündnisse als Alternative zu China zu schmieden. Doch ist dies eine Vernachlässigung internationaler Organisationen und Zersplitterung im Sinne der Machtpolitik des amerikanischen Präsidenten. Mehr globale Zusammenarbeit ist jedoch notwendig. Diese muss mit den Schwellenländern, mit den Ländern, die sich zum Freihandel bekennen, neu gestaltet werden.
Deutsche Subventionsgräber
Auf die unsinnigen Mindestpreisregeln, der „Lex Volkswagen" soll hier nicht ausführlich eingegangen werden. Die sogenannten „Schutzzölle“ der EU gegenüber chinesischen Marken gaben US-Präsident Trump eine Vorlage für seine aggressive, zerstörerische Zollpolitik. Der von der EU genannte Grund, hohe Subventionen, beruht ebenso wie Trumps Politik kaum auf Fakten.
In China sind die Subventionen für Elektroautos, von den auch VW, BMW oder Mercedes-Benz sehr profitiert hatten, in der Zwischenzeit weitgehend gestrichen, während sie in Europa eher zunehmen. Ein trauriges Beispiel für unsere Subventionspolitik ist die nicht in Betrieb gegangene Batteriefabrik in Heide, in der viele hunderte Millionen Euro versickerten. In der Zwischenzeit errichteten chinesische Konzerne teilweise ohne astronomische Subventionen in Europa Batterie-Fabriken, die seit langem produzieren und gute Arbeitsplätze schufen. Technologietransfer zum Nulltarif, von der unsere Wirtschaft und Regionen profitieren.
Der Bundeskanzler hat es jedoch bei diesen Fragen schwer, da vieles in Brüssel bestimmt wird. Hier ist eine noch deutlichere Abschottungspolitik, als bei der Bundesregierung zu erkennen. Hier ist mehr Vernunft, mehr wirtschaftlicher und technologischer Sachverstand und besseres Augenmaß von Nöten.
BMW-Chef fordert mehr Kooperationen mit China
Wirtschaftlichen Sachverstand hat naturgemäß die Wirtschaft. BMW-Chef Oliver Zipse wirbt vor dem ersten Amtsbesuch von Bundeskanzler Friedrich Merz in China für eine enge Zusammenarbeit beider Länder. Innovation und Fortschritt entstünden nicht durch Abschottung, sondern dann, wenn Pioniergeist, Offenheit und globale Kompetenzen aufeinanderträfen, sagte Zipse der Nachrichtenagentur Reuters. In der weltweit vernetzten Autoindustrie mit ihren globalen Wertschöpfungsketten sei diese Kombination schon immer ein wesentlicher Erfolgsfaktor. „Gerade beim Hochlauf von Elektromobilität und automatisiertem Fahren müssen wir uns mehr denn je darauf besinnen: Er wird nur dann gelingen, wenn wir auf globaler Ebene eng zusammenarbeiten - mit Deutschland und China als wichtigen Treibern von Innovation und Technologie.“
China sei eines der wichtigsten Technologie-Zentren der Industrie, sagte Zipse. Wer global relevant sein wolle, müsse dort mit einem starken lokalen Fußabdruck erfolgreich sein. „Wer sich dem enormen Markt- und Innovationspotenzial Chinas verschließt, vergibt große Chancen auf weltweites Wachstum und wirtschaftlichen Erfolg.“
VDA warnt vor Abschottung
Auch der Branchenverband der deutschen Autoindustrie VDA ist gegen Abschottung. Verbandschefin Hildegard Müller warnte davor, mit neuen EU-Vorgaben, etwa zur Bevorzugung europäischer Autos bei der öffentlichen Beschaffung, Kaufprämien oder Zöllen, Gegenreaktionen zu provozieren. „Auch wenn China jetzt verboten ist, Angebote zu machen, muss Europa generell sein Handeln und entsprechende Reaktionen abwägen. Je nach Entscheidung drohen der hiesigen Industrie Gegenmaßnahmen aus China“, so Müller.
Keinesfalls dürfte Europa seinen Automarkt schließen. „Europa sollte für chinesische Unternehmen offen sein und bleiben, um Investitionen und Wertschöpfung nach Europa zu bringen. Europa ist zudem aufgefordert, Vorschläge zur Stabilisierung der Handelsbeziehungen einzubringen“, sagte die Lobbyistin.
"Die Strafzölle der EU auf Elektroautos aus China waren und sind ein Fehler“, erklärte Müller. In Chinas zukünftigen Wirtschaftsplänen spiele die Förderung der Elektromobilität keine Rolle mehr, da die Regierung die Transition bereits als weitgehend gelungen betrachte. „Die Reise bietet die Chance, einen besseren Einblick in die chinesischen Absichten zu bekommen – gerade jetzt kurz vor der Verabschiedung des kommenden Fünf-Jahres-Plans“, so Müller.
VDA-Chefin Müller auf der Jahrespressekonferenz 2026
Bereits zuvor machte Müller auf der VDA-Jahrespressekonferenz deutlich, dass die eigentlichen Probleme in Deutschland und bei der EU liegen. „Ob in Berlin oder Brüssel: Zu oft verharren wir in einer sehr konkreten Beschreibung der komplexen Herausforderungen – ohne aber in die Problembewältigung zu kommen. Doch die Realität holt uns immer wieder ein. Ob bei den Zollverhandlungen mit den USA, ob im Wettkampf mit China und anderen Regionen oder in Davos: Wir, Europa und Deutschland, bekommen zunehmend vorgeführt, dass unser Modell, unsere Art und Weise, Transformation planwirtschaftlich zu regulieren, kein Erfolgsmodell ist. Im Gegenteil: Es ist die Einladung an andere, an unsere Wettbewerber und Konkurrenten, die Lücken einzunehmen, die Europa durch die fehlende Standortattraktivität hinterlässt. Sie gelangen dadurch in eine Führungsposition, wachsen wirtschaftlich und profitieren von unserer Schwäche. Das ist eine gefährliche Schwäche, die letztlich zum Verlust von Arbeitsplätzen und Wohlstand führt. Zahlen, Daten und Statistiken belegen diese Erkenntnis.“
Besonders problematisch für wirkliche Veränderung und tiefgreifende Reformen sei der Umgang mit Vorschlägen und Ideen, so Müller: „Wir alle erleben zunehmend eine Unfähigkeit zur Debatte, schlimmer noch: Oft erlebt man ein ganz bewusstes Missverstehen von Vorschlägen, aus dem dann versucht wird, (politisch) Kapital zu schlagen. Dieses bewusste Missverstehen war einmal Instrument der Populisten, inzwischen aber ist es ein immer häufiger genutztes Mittel, befeuert von Social Media-Algorithmen. Dieses Prinzip wird damit zum Blocker für Reformen und Veränderung."
Neue Debattenkultur notwendig
"Mit anderen Worten: Ohne eine andere Art der Debattenkultur werden wir die notwendigen Reformen und den Wandel als Gesellschaft nicht meistern können. Es gilt hier wie grundsätzlich: Reformen sichern Zukunftsfähigkeit. Und soziale Sicherheit ist nur tragfähig, wenn sie finanzierbar und leistungsfähig bleibt. Deswegen gilt es, zu reformieren, um Arbeitsplätze und Wohlstand zu erhalten und das Land zukunftsfest zu machen. Ein Mentalitätswandel, eine andere Debattenkultur und Mut zur Entscheidung sind zwingende Voraussetzungen für das notwendige umfassende Reformprogramm," erklärte die VDA-Chefin
Deindustrialisierung in Deutschland
Der Industriestandort Deutschland und Europa ist unter Druck. Das hat auch Auswirkungen auf die Beschäftigung. Im vergangenen Jahr haben rund zwei Drittel (64 Prozent) der befragten Unternehmen Beschäftigung am Standort Deutschland abgebaut. Dabei spielte für 87 Prozent die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit des Industriestandorts Deutschland eine große oder sogar sehr große Rolle. Und auch der aktuelle Blick zeigt auf, welche Verschiebungen derzeit stattfinden: Rund jedes zweite Unternehmen (49 Prozent) baut aktuell Beschäftigung in Deutschland ab. Bei 46 Prozent der Unternehmen bleiben die Beschäftigungszahlen hierzulande konstant, lediglich 5 Prozent bauen in Deutschland Beschäftigung auf.
VDA-Präsidentin Hildegard Müller: „Diese Daten zeigen eines erneut: Es geht hier nicht um die Krise der Industrie, sondern es ist unbestreitbar: Deutschland hat eine massive Standortkrise. Die Bedingungen am Standort Deutschland und Europa verschlechtern sich zusehends. Das bringt die Unternehmen und ganz besonders den automobilen Mittelstand unter Druck.
In dieser Zeit müssen die Unternehmen aus wirtschaftlichen Gründen bedauerlicherweise täglich gegen den Standort Deutschland und Europa entscheiden. Klar ist: Das Abwandern von Investitionen und Beschäftigung wird nicht ohne Konsequenzen für den Wohlstand unseres Landes und für dessen gesellschaftliche und politische Stabilität bleiben. Diese Erkenntnis ist schmerzhaft – umso wichtiger ist, dass die richtigen Schlüsse daraus gezogen werden. Bedeutet: Alles, was Wachstum schafft, muss oberste Priorität haben in Brüssel und Berlin. Dabei gilt auch: Abschottung wird zum Boomerang. Jeder Versuch, den Standort abzuschotten, schadet den Interessen der exportorientierten deutschen Automobilindustrie und den Beschäftigten in Deutschland.“
Ideologie und alte Mentalität erschweren objektiven Blick
Die Äußerungen aus der deutschen und europäischen Politik zum Thema China in den vergangenen Monaten und der Versuch der Bundesregierung im Vorfeld der China-Reise ein Bollwerk gegen China mit Indien, Lateinamerika und weiteren Staaten zu errichten, lässt jedoch wenig Hoffnung, in China viel für unser Land, zur Sicherung unseres Wohlstands zu erreichen.
„Friedrich Merz tickt anders als Olaf Scholz oder gar Angela Merkel, was China anbetrifft. Dem Transatlantiker Merz, der lange Jahre auch Vorsitzender der Atlantik-Brücke war, ist China ziemlich fremd. Noah Barkin zitiert in seinem Newsletter „Watching China in Europe“ einen Merz-nahen Politiker, der Merz „as the most China-critical and transatlantic chancellor in decades“ bezeichnet. Sowohl öffentlich als auch privat äußere er sich sehr kritisch zu China," so Wolfgang Hirn in „Chinahirn“.
Merz betrachtet China primär als systemischen Rivalen. In seiner Rede bei der Körber-Stiftung sagte er: „Wir erleben eine aufziehende Ära eines neuen Systemkonflikts zwischen liberalen Demokratien auf der einen Seite und antiliberalen Autokratien“. An der Spitze dieser Autokratien stehen für ihn Russland und China, aber auch der Iran und Nordkorea gehören dazu: „Im Laufe der zurückliegenden Dekade hat sich eine Achse der Autokratien herausgebildet, die in allen Regionen der Welt destabilisierenden Einfluss nimmt“. In seiner Münchner Rede geht er noch einen Schritt weiter und unterstellt China „einen globalen Gestaltungsanspruch“. China wolle die internationale Ordnung in seinem Sinne neu deuten. Die Grundlagen dafür habe China über viele Jahre mit strategischer Geduld gelegt. In absehbarer Zeit könnte Peking den Vereinigten Staaten militärisch auf Augenhöhe begegnen. Abhängigkeiten anderer nutze China systematisch aus. Neben dieser Analyse bot er wenig Neues, so Wolfgang Hirn,
Die Achse des Bösen ist für die meisten Länder eher die USA, wie aktuelle Umfragen belegen. China zu unterstellen, das es als eines der wenigen Länder Russland unterstützt, verkennt die Weltlage. Russland fühlt sich eher von China im Stich gelassen. Andererseits trugen mehr als hundert Länder, der größte Teil der Weltgemeinschaft, die von westlichen Ländern geforderten Sanktionen nicht mit. Das mag man aus unserer Sicht falsch finden, ist jedoch Realität. Zudem sind viele von der Bundesregierung umworbenen Wirtschaftschparner, wie beispielsweise die arabischen Länder, keinesfalls Musterschüler bei den Menschenrechten. Was bbeispilsweise Rechte der Frauen anbelangt dürfte da China um einiges besser dastehen.
Funktionierende Chinastrategie fehlt
Zu China gibt es viele Konzeptpapiere und Äußerungen unserer Politik. Funktionierende Konzepte fehlen jedoch. Klaus Mühlhahn, Professor an der FU Berlin, kommentiert in seinem Newsletter Chinapolitan: “Eine konkrete Strategie für den Umgang mit der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt? Fehlanzeige. Das ist mehr als ein diplomatisches Versagen; es ist ein strategischer Fehler.“ Als einzige Strategie setzt Merz auf das bekannte De-Risking. Das bringt ihn aber in einen Konflikt mit der deutschen Wirtschaft. Merz, der ja gerne als Wirtschaftskanzler apostrophiert wird, hat offenbar ein schwieriges Verhältnis zu den Managern von Unternehmen, die in China Geschäfte machen. Ihm passt nicht, dass das politische Berlin eine De-Risking-Strategie von China fährt, während hingegen die Unternehmenschefs ihre Engagements in China eher ausbauen. Dass ihm das nicht gefällt, wurde besonders in seiner Körber-Rede deutlich. Dort analysierte er zunächst die wirtschaftliche Lage Chinas: „Mein Gefühl sagt mir, die wirtschaftliche Lage in China ist schwieriger, als wir sie im Augenblick von außen sehen.“ Man müsse „mit größeren Verwerfungen“ rechnen. Die Entscheidung, in China zu investieren, sei deshalb eine Entscheidung mit großem Risiko. Deshalb sein Appell an die deutschen Unternehmer: „Wenn ihr dieses Risiko eingeht, dann geht es so ein, dass es nicht die gesamte Unternehmensgruppe gefährdet, wenn ihr diese Investitionen von einem Jahr auf das andere abschreiben müsst.“ Und dann sagte er einen Satz, der in den Medien am häufigsten zitiert wurde: „Kommt unter keinen Umständen bitte zum Staat, zur Bundesregierung, um euch in einer solchen Situation ökonomisch helfen zu lassen.“ Doch bislang hat noch kein Unternehmenschef um Hilfe gebettelt.
Ob die Wirtschaftsführer in der Begleitdelegation den Bundeskanzler überzeugen können, China nicht ganz so kritisch zu sehen und sich vielleicht seine Kollegen Mark Carney aus Kanada oder Keir Starmer aus Großbritannien zum Vorbild zu nehmen? Die beiden Regierungschefs waren nämlich soeben zu Besuch in China und fanden danach lobende Worte. Carney bezeichnete die Handelsbeziehungen mit China „more predictable“ als die mit seinem südlichen Nachbarn, der immer wieder mit Zöllen drohte. Starmer sagte: „Working together on issues like climate change, global instability during challenging times for the world is precisely what we should be doing as we build this relationship.” Solche Töne wird man von Merz nicht hören, obwohl er in seiner Aschermittwoch-Rede in Trier plötzlich von strategischer Partnerschaft redet, so „Chinahirn“.
Selbst die USA setzt auf China. „Während Berlin über die Stärke der NATO-Ostflanke sinniert, hat Washington stillschweigend eine Wende vollzogen. Der Ton gegenüber Peking hat sich von „Decoupling“ zu „Dialog und Kooperation“ gewandelt. Nicht aus Naivität, sondern aus Eigeninteresse. Die US-Wirtschaft würde sich ohne China schwer tun. Das gilt aber nicht nur für die USA, denn China ist für über 120 Länder der wichtigste Handelspartner“ berichtet „Chinapolitan“.
Klaus Mühlhahn folgert daraus die Notwendigkeit einer neue Strategie: „„Europa muss lernen, mit China gleichzeitig zu konkurrieren und zu kooperieren. Es muss verstehen, dass Partnerschaften auf Augenhöhe mit den neuen globalen Machtzentren keine Option, sondern eine Notwendigkeit sind. Ansonsten droht der Kontinent zu einer besser verteidigten und abgeschotteten, aber global irrelevanten Festung zu werden, die zusieht, wie andere die Regeln für die Zukunft schreiben“.
Nicht China ändert das Weltgefüge
Wie bei Donald Trump scheint jedoch auch bei Friedrich Merz die Grundlage für seine Weltpolitik auf eine psychologische Barriere zu treffen. Es kann in ihren Augen nicht sein, dass „wir“ nicht mehr die Deutungshoheit und wirtschaftliche Vorherrschaft der Welt haben. Doch wer und was sind „Wir“?
Bereits seit 2017 haben die Schwellenländer des BRICS 35 Prozent Anteil an der Weltwirtschaft. Das sind mehr als die 30 Prozent der G9 Staaten, der traditionellen Industrieländer. In den Schwellenländern wächst die Wirtschaft weitaus schneller als in den Industrieländern. Die Welt hat sich geändert und ändert sich scheinbar immer schneller. Klimawandel, Sicherheitspolitik, globaler Wohlstand und viele weitere Zukunftsfragen sind nur zusammen mit den Schwellenländern zu lösen. Dabei gelingt es nicht, diese Länder gegeneinander auszuspielen, so Chinakenner Frank Sieren. "Was ist Europa? Fragt Sieren. 5 Prozent der Weltbevölkerung und 15 Prozent der Weltwirtschaftsleistung – mit sinkender Tendenz."
„Wir“ – das ist die Weltgemeinschaft. Europa muss mit und nicht gegen die aufstrebenden Länder seine neue Stellung in dieser neuen Kräftekonstellation aufbauen. Europa muss zusammen mit Ländern, die sich internationalen Regeln verpflichten, Wege für eine gute Zukunft gestalten. Das ist auch die Basis für eine erfolgreiche Wirtschaft in Deutschland, für Wohlstand und politische Stabilität.
Links
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Chinapolitan
Frank Sieren
Foto: Bundespresseamt
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