Politik im Gespräch
Vize-Generalkonsul Jin Songbao in Aumühle

2. Januar 2026

Im Augustinum Aumühle findet regelmäßig der Gesprächskreis "Politik im Gespräch" statt. Dazu lädt Dieter Buhl, unter anderem ehemaliger Ressortchef der politischen Redaktion der Wochenzeitung „Die Zeit“ ein. Die Veranstaltungen zog bereits eine Reihe von hochrangigen Politiker aus Land und Bund in den Sachsenwald. Im Dezember konnten dort etwa 30 interessierte Zuhörer den chinesischen Vize-Generalkonsul Jin Songbao begrüßen.

Eröffnete wurde der Gesprächskreis mit einer spannenden Frage: Wann begann die Geschichte der chinesischen Kultur? Vize-Generalkonsul Jin erzählte die Geschichte der uralten Kultur, von der viele Ausgrabungen zeugen. China hat eine 5000-jährige Zivilisation. Noch heute können Chinesen Schriftzeichen lesen, die bereits vor 3000 Jahren verendet wurden.
Doch im 19. Jahrhundert blieb die Qing-Dynastie in ihren alten Strukturen stecken. Ausländische Mächte drangen kriegerisch ein. Zu dieser Zeit setzten bittere Armut und Hunger-Katastrophen der Bevölkerungsmehrheit in China zu.
Nach einem langen Kampf konnte China unter der Kommunistischen Partei Chinas 1949 die Unabhängigkeit erkämpfen.
Ein bedeuteten Entwicklungsschritt war die Öffnungspolitik seit 1978 und dem späteren Beitritt zur WTO im Jahr 2001. China globalisierte sich, viele ausländische Konzepte kamen in das Land und wurden an die Realitäten in China angepasst.

Schnell ging der Vortrag in eine Fragerunde, in einen Dialog über. Was ist mit den gewaltigen Exportüberschüssen Chinas? Die sind tatsächlich vorhanden, und auf den ersten Blick scheinen die Zahlen recht beachtlich zu sein. Aber man sollte auch sehen warum die Zahlen so hoch sind, so Jin. Am Beispiel von Tesla zeigt sich, dass sich das Werk mit der größten Produktionskapazität in Shanghai, in China, befindet und von dort aus weltweit exportiert wird. Die entsprechenden Exporterlöse werden jedoch dem chinesischen Handelsüberschuss zugerechnet. Ebenso wie die Exporte vieler anderer ausländische Unternehmen. Doch viele Teile dafür kommen immer noch aus dem Ausland. Bei einigen Exportprodukten entfallen sogar nur 2 Prozent bis 4 Prozent der Wertschöpfung auf China. Wir leben in einem globalisierten Zeitalter. Wenn man tiefer blickt, ergibt sich ein anders Bild. Man darf sich nicht nur an den bloßen Zahlen orientieren.

Deutsche Produkte sind in China nach wie vor beliebt. Deutsche Qualität wird geschätzt. Deutschland heißt im chinesischen „Deguo“. Übersetzt bedeutet dies „Land der Tugend“. In China genießt Deutschland allgemein ein positives Image, und Deutsche gelten dort als sorgfältig und zuverlässig.

Eine nächste Frage kam zur großen Geopolitik. Wie ist das Verhältnis zur USA? Die USA sieht leider China als Rivale, ja auch als Gegner, erklärte Jin. Doch dies hat keine sachlichen Gründe und keine logische Grundlage. Dies entspringt hauptsächlich der Angst der USA nicht mehr die Nummer eins auf der Welt zu sein, und ihre hegemoniale Stellung zu verlieren. Entsprechend neigen sie dazu, anderen Staaten Vorgaben zu machen. China ist jetzt wirtschaftlich und technologisch aufgestiegen, ist auch militärisch sehr stark. Die USA reagierten infolgedessen nervös, starteten einen Zollkrieg und drohten zeitweise mit Zöllen von bis zu 200 Prozent gegen China. Den Wirtschaftskampf der USA müssen jedoch die amerikanischen Verbraucher zahlen. Dabei sollte nicht übersehen werden, das Zollbarieren von der USA auch gegenüber Europa und anderen Länder aufgebaut wurden.

Doch hinter diesem Verhalten der USA stehen historische, kulturelle und psychologische Phänomene. Dabei handelt es sich nicht um eine ideologische Frage. Historisch gesehen kam es bereits zu ähnlichen Auseinandersetzungen, als Großbritannien seine globale Vormachtstellung verlor und die USA aufstiegen. Sowohl die Vereinigten Staaten als auch Großbritannien sind kapitalistische Staaten.. Der Kampf ist also kein Kampf der Systeme, er betrifft die Interessen beider Länder und hat tiefere innere Ursachen.

Wir sollten jedoch vergessen, dass wir alle auf dem gleichen Planeten wohnen, wir alle Menschen sind. Wir stehen vor gemeinsamen Herausforderungen wie dem Klimawandel und der grünen, nachhaltigen Entwicklung; Die Zukunft aller Länder ist miteinander verbunden. Das chinesische Konzept unterscheidet sich grundlegend von dem amerikanischen. Wir betreiben keine Machtpolitik, sondern setzen uns für den Aufbau einer Gemeinschaft mit einer gemeinsamen Zukunft der Menschheit ein. Wenn wir alle zusammenarbeiten können alle mehr Wohlstand haben. Aus chinesischer Sicht ist die Welt groß genug; durch ehrliche und durch konstruktive Zusammenarbeit lässt sich der “Kuchen” vergrößern. Einige in den USA gehen von einem gleichbleibenden Kuchen aus, von dem sie das größte Stück beanspruchen. Wenn du mehr bekommst, bleibt für mich weniger. Daraus ergeben sich die Spannungen. Doch Freihandel, internationale Kooperation nutzt im Endeffekt allen. Der Kuchen wir größer, alle können gewinnen.

Spielt China dabei mit fairen Methoden? Hat es nicht unfaire Subventionen, welche die Exporte Puschen? So die nächsten Fragen. Die Erfolge beispielsweise für Elektroautos haben andere Ursachen. Bereits vor über 20 Jahren hatte China gewaltige Investitionen in den neuen Industriezweig gesteckt. Jetzt erst können wir die Ergebnisse dieser Politik ernten. Deutschland, Europa seht ebenfalls vor einer solchen Transformation hin zu Elektroautos. Doch dort ist die Industriepolitik nicht so langfristig angelegt.

Die Folge: Ausländische Konzerne entwickeln jetzt zunehmend in China, da dort die Bedingungen besser sind. Tesla oder die deutschen Autokonzerne profitieren also von Chinas Entwicklungsvorsprung. Auch deutsche Automobilunternehmen haben in China Forschungszentren eingerichtet und profitieren dabei in hohem Maße von Chinas Talentvorteilen, erklärte Vize-Generalkonsul Jin.

Ein weiteres Thema war Datensicherheit und Überwachungstechnologie. Hier steht Huawei im Fokus der USA und wurde von ihnen sanktioniert, so Jin. Aber Huawei ist in den USA kaum aktiv. Es wird dort gesagt das sogenannte Staatsunternehmen wie Huawei machen müssten was der Zentralstaat verlangt. Aber Huawei ist in Privatunternehmen. Datenschutz ist keine ideologische, sondern eine technologische Sache. Huawei baut Datenzentren im Ausland, die unabhängig von China arbeiten können und ist bereit, sich der Regulierung der jeweiligen Gastländer zu unterwerfen. Datenschutz wird nur vorgeschoben, da Politiker im Westen Angst vor der fortschrittlichen Technologie chinesischer Anbieter haben. Chinesische Unternehmen hoffen jedoch darauf, ihre technologischen Errungenschaften teilen zu können; sie investieren im Ausland in Entwicklungszentren.

Die Gesprächsrunde ging mit kritischen Fragen weiter, die Frage nach den Menschenrechten. Auch das beantworte Jin in einem freundlichen Ton mit einem breiten Blick auf Geschichte und Kultur. Viele Menschen in Westen halten China für eine Diktatur. Doch auch dabei sollte man auf die Geschichte, auf die vielfältigen Kulturen der Welt sehen. Die ist sehr unterschiedlich und das politische System Chinas basiert auf der chinesischen Geschichte, Kultur und den nationalen Gegebenheiten und ist das Ergebnis der Entscheidung des chinesischen Volkes. Vize-Generalkonsul Jin verdeutlichte dies persönlich. Er erklärte, dass er selbst Mitglied der KP Chinas ist. Er ist auch ein ganz normaler Arbeitnehmer, der seine Familie ernähren muss und kein Monster.

Warum bin ich selbst in der chinesischen Kommunistischen Partei, was verkörpert die, fragte er? Warum hatte sie vor über hundert Jahren so einen Erfolg, obwohl sie am Anfang nur wenige Mitglieder hatte? Die Antwort ist: sie hat eine gute Politik verfolgt und hat die Unterstützung der Bevölkerung gewonnen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die damalige Führung des alten Chinas – die Kuomintang – stark von Korruption geprägt und entfremdete sich vom Volk. Infolgedessen verlor sie den Bürgerkrieg und zog sich später nach Taiwan zurück. Die KP Chinas ist in der Lage, die Probleme der chinesischen Bevölkerung zu lösen und ihr Hoffnung zu geben. Die Macht der KPC basiert auf die Akzeptanz der Bevölkerung, die nur durch gute Regierungsarbeit erhalten werden kann.

In diesem Zusammenhang wurde die Frage nach der Lage in Tibet gestellt. Zu Tibet hat China, hat Asien eine ganz andere Geschichte als der Westen zu erzählen. Blicken wir in der Geschichte zurück. Vor 300 Jahren gab es noch keine USA. Vor 200 Jahren gehörten weite Teile Schleswig-Holsteins oder Altona zu Dänemark. Doch seit der Yuan-Dynastie vor rund 800 Jahren gehört Tibet zur staatlichen Verwaltung Chinas. Möglicherweise wird in Ihren Schulbüchern behauptet, Tibet sei ein von China besetztes Land. Umso wichtiger ist der Dialog. Faktisch ist Tibet Teil Chinas – dies ist eine internationale Realität, die anerkannt werden muss. China sieht die Tibet-Kritik des Westens im Zusammenhang mit der Kolonialpolitik. Die vielen indischen Völker wurden bis 1947 hauptsächlich von England kolonial beherrscht und damals wollte das britische Imperium über Tibet sein Kolonialreich bis nach China ausweiten.

Geopolitisch ging die Fragerunde weiter, mit der Frage warum China nicht seinen Einfluss gelten macht um im Ukrainekrieg Frieden zu stiften. China ist neutral, erklärte Jin. Wir hatten sowohl sehr gute Beziehungen zu Russland als auch zu Ukraine. Das war beispielsweise auch so zum Iran und zum Irak. Auch dort mischten wir uns nicht in den Krieg ein, blieben neutral und setzen uns für Vermittlung und Dialog ein.

Die Ukraine und Russland gehörten früher beide zur Sowjetunion und standen einst in einem brüderlichen Verhältnis. Jetzt wollen beide Länder, dass sich China auf ihre Seite schlägt. Doch dies ist ihr Krieg, nicht unserer. China wahrt Neutralität, was uns zugleich Spielraum verschafft, uns für Vermittlung und Friedensgespräche einzusetzen. Waffen liefert China an keine Partei. Doch insbesondere die Ukraine profitiert von unseren Handelsbeziehungen. Wir sind ihr wichtiger Handelspartner.

Mit Russland verbindet uns zudem eine mehrere tausend Kilometer lange Grenze, Handelsbeziehungen mit einer langen Geschichte. Besonders in den Grenzregionen ist der direkte Austausch sehr intensiv. Eine Blockade würden die Menschen in der Region sehr schaden.

Wir sind auf russische Energie angewiesen. Wenn Russland uns kein Öl und Gas liefern würde, könnten dann Europa oder die USA diese Versorgung übernehmen? China hat 1,4 Milliarden Einwohner, der Energiebedarf ist enorm. Würde China kein russisches Öl und Gas mehr kaufen, sondern stattdessen vollständig auf den internationalen Energiemarkt ausweichen, würden sich die Öl- und Gaspreise in Europa vermutlich von dem derzeitigen Niveau noch einmal verdoppeln. Dann würden Sie China womöglich erneut dafür kritisieren, die Energiepreise in die Höhe zu treiben. Das liegt jedoch nicht im nationalen Interesse Chinas. Jin betonte zudem, dass auch China eine öffentliche Meinung habe. Jin sagte das es am besten ist Chinesen direkt nach ihrer Meinung zu solchen Themen zu fragen. China ist offen; ohne Visa kann man aus Deutschland und fast 50 weiteren Ländern für 30 Tage einreisen. Wenn man die Menschen auf der Straße in China zu Ukrainekrieg befragt, sagen so gut wie alle, dass China neutral bleiben solle und sich China da nicht einmischen solle.

Die nächste Frage war, wie Donald Trump in China von der breiten Bevölkerung wahrgenommen werde?. Lustig, so die kurze Antwort. Wahrscheinlich umschrieb Yin eher, das in China Trump hauptsächlich als Witzfigur wahrgenommen wird.

Wo steht China in zwanzig Jahren, wird es die Welt regieren? Nein! - war die knapp Antwort. Wir leben auf demselben Planeten, und unsere Zukunft ist miteinander verbunden. Große Probleme wie der Klimawandel brauchen weniger eine Vorherrschaft, sie brauchen mehr internationale Zusammenarbeit. Frieden und Harmonie ist die chinesische Philosophie. Nicht Vorherrschaft. Besonders mit Deutschland fühlt sich China verbunden. Nicht Abschottung, sondern internationale Zusammenarbeit zum Wohle aller Menschen, zum Schutz unserer Lebensgrundlage sollte die Devise sein. Eine Schlussbotschaft die gut in eine besinnliche Weihnachtszeit passte.

Viele kritische Fragen wurden in einem ruhigen sachlichen Ton besprochen. Über die einzelnen Themen könnte man stundelang, tagelang reden. Doch Vize-Generalkonsul Jin schaffte es diese komplexen Fragen in kurzer Zeit verständlich zu beantworten und Chinas Sichtweise und die Gründe dafür zu verdeutlichen.

Der Autor würde sich wünschen, dass eine solche Gesprächsrunde auch mit einem Vertreter der US-Generalkonsulats in einer solchen Atmosphäre möglich wäre.


ASIA MEDIA SERVICE, Dr. Thomas Kiefer
Fotos: Thomas Kiefer

Mobirise
Mobirise

Free AI Website Software